Wikipedia als kollaborative und kollektive Intelligenz – das Beste aus beiden Welten

Autor: Maximilan Groth

Oft noch verpönt in Quellenangaben von (wissenschaftlichen) Arbeiten ist sie dennoch eine sehr beliebte Informationsquelle unter Studierenden und eine der meistbesuchten Websites überhaupt: die Wikipedia.

Eine große Errungenschaft der frühen Web 2.0-Idee, die es dennoch immer wieder mit negativen Schlagzeilen in den öffentlichen Diskurs schafft: Meinungsmache bis Werbung oder grobe Fehler oder Lügen werden von der Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert; intern kämpft man gegen Edit-Wars und Vandalismus. Es gibt aber auch viele Positivbeispiele für den Erfolg der Wikipedia. Extern wie intern werden herausragende Artikel ausgezeichnet und bereits vor Jahren begann die Wikipedia im direkten Vergleich andere prominente Enzyklopädien zu schlagen. Doch wie funktioniert Wikipedia wirklich und welche Rolle spielen dabei ‚Collective Intelligence‘ und ‚Collaborative Intelligence‘?

(Photo by O. Korobova via Getty Images)

Ich werde dazu nachfolgend die beiden Konzepte vorstellen, vergleichen und mit Wikipedia verbinden, um damit eine These zu entwickeln, wonach Wikipedia sowohl kollektive als auch kollaborative Intelligenz beinhaltet. Hierbei stellt die kollaborative Intelligenz das unersetzliche Herzstück von Wikipedia dar und die kollektive Intelligenz wirkt nur unterstützend.

Was sind also erst mal kollektive und kollaborative Intelligenz? Beginnen wir mit der kollaborativen. Hierzu ziehe ich unter anderem die Darstellung aus dem Artikel „From Web 2.0 to Conversational Knowledge Management: Towards Collaborative Intelligence” von M. Lee und Y. Lan heran, welcher 2007 im Journal of Entrepreneurship Research erschienen ist. Ganz allgemein beschreibt die kollaborative Intelligenz die Möglichkeit einer Gruppe von Personen (Maschinen interessieren uns hier nicht) durch individuelle Beiträge und den wechselseitigen Austausch, in Zusammenarbeit und im konstruktiven Diskurs ein gemeinsames Problem zu lösen, bzw. ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Diese kollaborative Intelligenz lässt sich im Informatikkontext über drei Säulen definieren:

  1. die Kollaborations-Technologie-Umgebung, also die Software, Hardware und die Netzwerke, die die Kommunikation und Zusammenarbeit von zwei oder mehr Personen unterstützen, z.B. Chats, Videokonferenzen, Email, Webblogs, Foren, etc.
  2. das Erfassen, Strukturieren und Bündeln von Wissen und
  3. eine intellektuelle Zusammenarbeit.

Hier wird sofort deutlich, warum sich Wikipedia der kollaborativen Intelligenz zuordnen lässt: Sie stellt die Umgebung in Form eines speziellen Wikis, Wissen zu sammeln ist ihr erklärtes Ziel und sie bietet Methoden zur intellektuellen Kooperation, wie dem gemeinsamen Erstellen, der Diskussion, der Korrektur und der Weiterentwicklung von Artikeln.

Widmen wir uns nun der kollektiven Intelligenz. Als Idee ist sie sehr viel präsenter als die kollaborative Intelligenz, weswegen einige Definitionen von ihr so breit sind, dass sie die kollaborative Intelligenz bereits komplett umfassen. Das wäre hier nicht zielführend, und dankenswerterweise gibt es Menschen, die sich dem Trennungsproblem der beiden Begriffe bewusst sind und deren trennschärferen Definitionen möchte ich folgen. Hier können wir die kollektive Intelligenz nun als Aggregation der Intelligenz einer Gruppe betrachten. Dabei wird einfach durch eine Durchschnittsbildung des Wissens von vielen ein ausbalanciertes und damit besseres Gruppenwissen als das der beteiligten Einzelpersonen generiert. Die wichtigsten Unterschiede zur kollaborativen Intelligenz sind, dass keine besondere Gruppenaktivität zu einer bestimmten Aufgabenbewältigung vorliegen muss, dass für den Erfolg von kollektiver Intelligenz kein Austausch zwischen den Gruppenmitgliedern stattfinden darf (was exakt dem Kollaborationsgedanken widerspricht) und dass dem Individuum keine besondere Bedeutung beigemessen wird, da nur das gemittelte Gruppenergebnis interessiert. Auch dieses Konzept findet sich in der Wikipedia wieder, wie ich nachfolgend darstellen werde.

Versucht man nämlich nun mit der Wikipedia erfolgreich zu arbeiten, so stellt einem z.B. die Universität Münster einen Kriterienkatalog bereit, mit dem man die Qualität von Wikipedia-Artikeln beurteilen kann. Dazu gehören:

  1. eine hohe Besucherzahl des Artikels
  2. mehrere Autoren
  3. viele Verweise im Artikel
  4. viele Quellennachweise
  5. das aktuelle Bearbeitungs- und Diskussionsverhalten zum Artikel und
  6. Qualitätsauszeichnungen der Wikipedia.

Ordnen wir diese Qualitätskriterien nun den zwei Intelligenz-Begriffen zu, so gibt es ein überraschendes Ungleichgewicht: Zur kollektiven Intelligenz passen die Kriterien 1, 2 und 6, zur kollaborativen nur Kriterium 5. Kriterium 1 wird damit begründet, dass viele Besucher eines Artikels die Chance erhöhen, dass etwaige Fehler im Artikel bereits gefunden und korrigiert wurden; vereinfacht gesagt: „Die Masse reduziert Fehler.“ Bei Kriterium 2 sollen durch viele Autoren viele Perspektiven einfließen, was nach Mittelwertbildung klingt, und Kriterium 6 bezieht sich auf Auszeichnungen, die durch ein klassisches Ratingsystem zustande kommen, was ein typisches Beispiel für kollektive Intelligenz ist. Nur Kriterium 5 bezieht sich auf kollaborative Abläufe der Diskussion und Weiterentwicklung, wobei der wünschenswerte Zustand eines Artikels wohl ist, dass beide in der Vergangenheit stattgefunden haben, der Artikel jetzt aber stabil und unstrittig ist. Wenn wir also die Qualität von Wikipedia-Artikeln bewerten, kommt der kollektiven Intelligenz doch eine bedeutsame Rolle zu. (Kriterium 3 und 4 will ich hier nicht unter den Tisch fallen lassen, da sie sich aber auf Eigenschaften des konkreten Artikels und nicht auf Personenverhalten beziehen, sind sie nicht den beiden Intelligenz-Begriffen zuzuordnen.)

Wir konnten also sehen, dass kollaborative und kollektive Intelligenz beide Teil der Wikipedia sind. Es bleibt aber noch die Frage zu klären, welche die höhere Bedeutung für die Wikipedia hat. Ein entscheidendes Argument ist, dass bei der Wikipedia gezielt zusammengearbeitet wird; eine Eigenschaft, die sich klar mit der kollaborativen Intelligenz deckt, aber der Forderung nach Unabhängigkeit der kollektiven Intelligenz widerspricht. Es lohnt sich aber auch ein Blick darauf, was passiert, wenn Wikipedia „versagt“, was also passiert, wenn Wikipedia nicht mehr den Anforderungen einer Enzyklopädie genügt. Wenn Artikel Werbung und Meinungsmache enthalten, dann versuchen Einzelne ihre Sicht der Dinge oder ihre persönlichen Interessen durchzusetzen. Gleiches gilt für Vandalismus oder einen Edit-War: Es wird kein gemeinschaftlich gewachsenes Endprodukt mehr angestrebt, sondern dieses wird mutwillig zerstört (Vandalismus) oder es wird ein Kampf zwischen konkurrierenden Meinungen ausgetragen, bei dem immer wieder von mind. zwei Personen der gleiche Artikel zugunsten der eigenen Sicht angepasst wird (Edit-War). Gemein ist diesen Phänomenen, dass immer noch viele Personen an einem geteilten Artikel arbeiten, sie verfolgen aber nicht mehr ein gemeinsames Ziel; hier ist also kollaborative Intelligenz nicht mehr erfüllt. So bildet kollaborative Intelligenz das Herz einer funktionierenden Wikipedia, wobei uns die kollektive Intelligenz wichtige Qualitätskontrollen schafft.

Abschließend möchte ich nur noch unterstreichen, dass mit den zwei Intelligenzbegriffen die Wikipedia noch nicht abschließend dargestellt ist. Wikipedia besitzt noch viele weitere Facetten und Mechanismen, wie Quellen, Verweise, Sichtungen, das Schützen von Artikeln, Änderungslogs und einiges mehr um sicherzustellen, dass diese beispielhafte Plattform kollaborativer Intelligenz den Standards einer vollwertigen Enzyklopädie gerecht bleibt.

Der Autor, Maximilian Groth, studiert im Teilstudiengang Informatik des Zwei-Fächer-Studiengangs mit dem Abschluss Master of Education an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Der Beitrag ist in einem Seminar zu Social Media und Web Science entstanden.

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